Meine Lieben, eigentlich hatte ich euch angekündigt, täglich von der Hochzeit zu berichten, aber wer einmal eine indische Hochzeit erlebt hat, wundert sich sicherlich nicht, dass ich es nicht getan habe. Das tägliche Programm beginnt sehr sportlich am frühen Morgen und reicht bis spät in die Nacht. Nach ein paar Stunden Schlaf geht es dann gleich am nächsten Tag weiter. Ich bin nun seit Montag in Indien und heute finde ich erstmalig die Zeit wenigstens ein paar Stunden zu verschnaufen, bevor es ab Mittag auf die Zielgerade der letzten Etappe geht. Doch zurück zum Anfang:
Tag 1: Indien schließt uns in die Arme
Nach einem rund 19 stündigen Trip von Zürich über Abu Dhabi und Mumbai erreichen wir hundemüde und kaputt Bhopal. Sofort werden wir durch die indische Gastfreundschaft für alle Strapazen entschädigt: Die Schwester der Braut erwartet unsere kleine Reisegruppe von knapp 30 Personen mit einem Schild mit der Aufschrift: Familie Saini. Ein ganzer Bus steht bereit, uns in die Herberge für die nächsten Tage zu bringen. Die ersten Eindrücke, die ich auf dem Weg sammeln kann, sind für Indien höchst erstaunlich. Alles wirkt aufgeräumt, sauber und geordnet – zumindest für die sonst herrschenden Verhältnisse auf dem riesigen Subkontinent. Dabei hat gerade Bhopal eine eher traurige Geschichte.

So manch einer erinnert sich vielleicht noch an einen der größten Chemieunfälle in der Geschichte unseres Planeten. Ein Tank mit Düngemitteln explodierte, weil der amerikanische Hersteller aus Kostengründen Fachpersonal entlassen und Wartungsarbeiten ausgelassen hat. In der Folge starben 30.000 Menschen und mehrere 100.000 erlitten Verätzungen an Haut und Lunge, unter denen sie teilweise noch heute leiden. Getroffen hatte es damals wie so oft die Ärmsten der Armen, denn die Giftgaswolke, die bei der Explosion entstand, wurde vom Wind direkt auf die Slums von Bhopal zugetrieben. Bis heute liegt das Gift in den kontaminierten Böden, weil niemand die Kosten der Entsorgung übernehmen will. Bis heute werden missgebildete Kinder geboren – von Entschädigung keine Rede. Von alldem ist jedoch im Zentrum Bhopals nicht viel zu erkennen. Der Verkehr ist für Indien eher mäßig und die Luft erstaunlich klar. Vielleicht liegt es daran, dass Bhopal zwischen großen Seen angesiedelt ist. Es gibt also genug Kaltluftschleusen, die in vielen anderen indischen Städten schlichtweg zugebaut sind. Ansonsten unterscheidet sich Bhopal nicht viel von anderen Großstädten. Es ist laut und das permanente Hupen der Autos, Roller und Thuk-Thuks (Motor-Rhikschah) allgegenwärtig. Eine Kakophonie, die so typisch für Indien ist. :
Bhopal ist übrigens mit einer Fläche von 463 Quadratkilometern und rund zwei Millionen Einwohnern die Hauptstadt des Bundesstaates Madhya Pradesh, der zu den ärmsten der 29 indischen Staaten zählt.


Die Verwandlung:
Die Fahrt zum Hotel vergeht aufgrund der vielen Eindrücke wie im Fluge. Einchecken und eine schnellen Dusche und schon sind wir wieder auf den Beinen. Zeit zum Ausruhen gibt es nicht. Fast alle brauchen noch passende Kleidung für die Feierlichkeiten. Ethnisch soll sie sein. Das heißt, wir wollen uns im klassischen Stil der Punjabis kleiden. Also auf in die nächste Mall! Begleitet von einer lieben indischen Freundin stürmt die Gruppe „rosa Elefanten“ ein entsprechendes Fachgeschäft für festliche Kleidung. Das Portfolio des exklusiven Textilanbieters erinnert an den Fundus eines Bollywoodfilms. Ein wahres Farbenmeer an Stoffen, Kleidern, Hosen, Schuhen, Schals und anderen Accessoires wird von eifrigen Verkäufern vor uns ausgebreitet. Sie werden nicht müde, auch den letzten Faden aus dem Lager zu präsentieren, und manch einer verwandelt sich mit Kurta, Pluderhose und anderen märchenhaften Kleidern aus 1001 Nacht in eine verführerische Sherazade oder festlich rausgeputzten orientalischen Fürsten. Änderungen, Sonderwünsche und ganze Maßanfertigungen setzten die flinken Näher gleich vor Ort um. So vergeht der Nachmittag und mit Tüten und Taschen beladen kehren wir ins Hotel zurück.

Während ich mir aufgrund des Schlafmangels inzwischen vorkomme wie ein Zombie auf Urlaub und nur noch todmüde ins Bett fallen will, schaffen die meisten es tatsächlich noch, ihre Ankunft in Indien feucht fröhlich zu begießen. Für mich jedoch geht ein anstrengender Tag zu Ende, denn ich weiß: Ab Morgen beginnt der Hochzeitsmarathon.
Erfahrt Morgen wie der Tag mit der Kunst des Mehendi beginnt und einer Verlobung nach Art der Sikh endet
